{"id":615,"date":"2022-06-20T08:30:36","date_gmt":"2022-06-20T08:30:36","guid":{"rendered":"https:\/\/projekt-armut.bui.haw-hamburg.de\/?p=615"},"modified":"2022-06-20T09:15:31","modified_gmt":"2022-06-20T09:15:31","slug":"interview-zum-thema-armut-und-gesundheit-mit-frau-woock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/projekt-armut.bui.haw-hamburg.de\/index.php\/2022\/06\/20\/interview-zum-thema-armut-und-gesundheit-mit-frau-woock\/","title":{"rendered":"Gesundheit gewisserma\u00dfen als Querschnitt &#8211; &#8220;health in all policies\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Vorwort:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es wird gesagt, dass jeder f\u00fcr seine Gesundheit selbstverantwortlich ist. Im t\u00e4glichen Leben sollen wir Entscheidungen treffen, die sich positiv auf unsere Gesundheit auswirken s.g. health literacy. Wie kann man gesunde Entscheidungen f\u00fcr den K\u00f6rper treffen, wenn einem das Geld daf\u00fcr fehlt? Armut und Gesundheit schlie\u00dfen einander nicht kategorisch aus, allerdings steigt f\u00fcr Menschen, die in finanziell schwierigen Verh\u00e4ltnissen leben, das Risiko f\u00fcr Krankheiten. Im Klartext soll das hei\u00dfen, dass wir meist nicht dieselben Grundvoraussetzungen haben, welche aber gerade beim Thema Gesundheit notwendig w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr \u00fcber die Gesundheit in Bezug auf SGB II Empf\u00e4nger*in erz\u00e4hlt euch unsere heutige Gespr\u00e4chspartnerin Frau Woock. Fr\u00fcher war Sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department Pflege &amp; Management der HAW Hamburg. Mittlerweile arbeite Sie im Bereich Gesundheitsberichterstattung und Gesundheitsf\u00f6rderung im Kreis Pinneberg.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Interview:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frau Woock, bei unserer Recherche, sind wir auf eine Studie des Robert Kochs Instituts gesto\u00dfen. Diese zeigt, dass Personen mit niedrigem Einkommen und Armutsrisiko, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verf\u00fcgung haben, eine deutlich geringere Lebenserwartung haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher gehen wir der Annahme nach, dass die Gesundheit eines Menschen an deren Einkommen gebunden ist. Was muss sich Ihrer Meinung nach ver\u00e4ndern, um die Lebenserwartung unabh\u00e4ngig vom Einkommen zu gestalten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Frau Woock:<\/em><\/strong><em> Der sogenannte sozio\u00f6konomische Status wird in der Regel anhand dreier Indikatoren gemessen: Der Bildung, dem Einkommen und der beruflichen Position. Menschen mit einem hohen Einkommen haben h\u00e4ufig auch einen h\u00f6heren Schul- oder Universit\u00e4tsabschluss bzw. haben eine gute Ausbildung abgeschlossen. Sie haben eine gute berufliche Position, die mit einer gewissen Autonomie einhergeht. Umgekehrt fehlt Menschen mit einem niedrigen Einkommen nicht nur das Geld, um sich beispielsweise ein sch\u00f6nes Haus im Gr\u00fcnen zu leisten. Aufgrund einer vielleicht nur rudiment\u00e4ren Schulbildung fehlt ihnen die Kompetenz, sich Gesundheitsinformationen zuverl\u00e4ssig zu besorgen \u2013 die sogenannte health literacy -und ihre Arbeit ist k\u00f6rperlich belastend, repetitiv und bietet nur wenig Autonomie. Aus dieser Gesamtlage entstehen auch gesundheitliche Belastungen. Will man daran etwas \u00e4ndern, muss man sehr fr\u00fch ansetzen und schon Kindern die M\u00f6glichkeit geben, sich unabh\u00e4ngig von ihrer sozialen Herkunft bestm\u00f6glich zu entwickeln.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Haben arme Menschen somit ein h\u00f6heres Risiko an Krankheiten zu erkranken als wohlhabende Menschen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Frau Woock:<\/em><\/strong> <em>Einen guten ersten Einblick bietet hier das Dashboard \u201eGesundheit in Deutschland aktuell\u201c des Robert-Koch-Instituts. F\u00fcr verschiedene Indikatoren l\u00e4sst sich hier schnell zeigen, ob eher Menschen mit niedriger, mittlerer oder hoher Bildung betroffen sind. Ein Beispiel: In der unteren Bildungsgruppe gibt es eine Diabetes-Pr\u00e4valenz von 11,8%, d.h. dieser Anteil von Menschen war innerhalb eines definierten Zeitraums an Diabetes erkrankt.<\/em> <em>In der mittleren Bildungsgruppe gaben 9,3 % an, an Diabetes erkrankt zu sein, in der hohen Bildungsgruppe waren es 6,0 %. Das gleiche Muster finden wir u.a. bei koronaren Herzkrankheiten oder bei chronischer Bronchitis (COPD). Insofern: Ja, Menschen mit niedriger Bildung und einem niedrigen Einkommen haben ein h\u00f6heres Risiko, zu erkranken.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der SGB II Satz f\u00fcr Alleinerziehende im Jahr 2022 liegt bei 449 \u20ac pro Monat. Daf\u00fcr sind 156\u20ac f\u00fcr Nahrungsmittel angedacht und 17\u20ac f\u00fcr die Gesundheitspflege. Reichen diese S\u00e4tze aus, um sich monatlich gesund zu halten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Frau Woock:<\/em><\/strong><em> Tats\u00e4chlich bietet unser Gesundheitssystem auch Menschen mit einem niedrigen Einkommen bzw. Empf\u00e4nger*innen von Grundsicherung eine gute Gesundheitsversorgung. Die meisten sind krankenversichert, die Belastungsgrenze f\u00fcr Zuzahlungen betr\u00e4gt 2% der j\u00e4hrlichen Bruttoeinnahmen. Aber bereits eine Zahnzusatzversicherung w\u00e4re in Ihrem Beispiel au\u00dferhalb der finanziellen M\u00f6glichkeiten des Leistungsbeziehers. Und ob 156\u20ac &#8211; gerade angesichts der aktuellen Inflation ausreichen, um gesunde und vielf\u00e4ltige Gerichte auf den Tisch zu bringen, l\u00e4sst sich bezweifeln. Von gutem Biogem\u00fcse oder -fleisch ganz zu schweigen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gehen wir mal davon aus ich w\u00e4re arm und ich w\u00e4re krank geworden, mein Gesundheitspflegesatz f\u00fcr diesen Monat habe ich schon verbraucht. Gibt es eine M\u00f6glichkeit an kostenlose Medikamente zu kommen oder m\u00fcsste ich unter meinen Symptomen leiden?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Frau Woock:<\/em><\/strong><em> Nein, Ihnen steht im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung eine Behandlung durch Arzt oder im Notfall, das Krankenhaus zu. Die Zuzahlungen zu Medikamenten zahlen Sie nur bis zu dem H\u00f6chstsatz von 2% des Bruttoeinkommens j\u00e4hrlich. Es gibt Medikamente, die rezeptfrei erh\u00e4ltlich sind und von der Krankenkasse nicht erstattet werden, beispielsweise Erk\u00e4ltungsmedikamente. Auf diese m\u00fcssten Sie dann verzichten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bekommen chronisch Kranke einen Zuschuss des SBG II Regelsatz?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Frau Woock:<\/em><\/strong><em> Zun\u00e4chst ist die Belastungsgrenze, bezogen auf Zuzahlungen, f\u00fcr chronisch kranke Menschen noch niedriger und betr\u00e4gt nur 1 % des j\u00e4hrlichen Bruttoeinkommens. F\u00fcr Menschen mit Behinderungen wird ein Mehrbedarf anerkannt, d.h. diese bekommen einen erh\u00f6hten Regelsatz. Ist eine kostenaufw\u00e4ndige Ern\u00e4hrung notwendig, wird ebenfalls ein Mehrbedarf ber\u00fccksichtigt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Was sollte sich konkret in der Gesundheitspolitik \u00e4ndern, um den Alltag von Menschen mit Armutsrisiko zu erleichtern?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Frau Woock:<\/em><\/strong><em> Ich denke, die Gesundheitspolitik sollte da nicht der alleinige Ansprechpartner sein. Bereits die im Jahre 1986 verabschiedete Ottawa-Charta zur Gesundheitsf\u00f6rderung proklamiert etwas, was heute als \u201ehealth in all policies\u201c bekannt ist. Dabei geht es darum, Gesundheit &#8211; gewisserma\u00dfen als Querschnittthema &#8211; immer mitzudenken, in der Stadtplanung, in der Sozialpolitik, in der Verkehrsplanung, in der Bildungspolitik usw. Nur dann k\u00f6nnen die<\/em> <em>Verh\u00e4ltnisse dahingehend ver\u00e4ndert werden, dass die Lebensumst\u00e4nde von Menschen sich einander mehr ann\u00e4hern.<\/em><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wie k\u00f6nnte man arme Familien unterst\u00fctzen und den Kindern zu einem gesunden Lebensstil und Alltag verhelfen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Frau Woock: <\/em><\/strong><em>Es ist sicher hilfreich, wenn Kinder eine Kita besuchen k\u00f6nnen, die finanziell und personell gut ausgestattet ist. Im Idealfall lernen sie dort schon etwas \u00fcber gesunde Ern\u00e4hrung und Bewegung. Das muss in der Grundschule weitergehen. Sportvereine m\u00fcssen erschwinglich sein und die Angebote in erster Linie Spa\u00df machen. Grunds\u00e4tzlich gilt auch hier, dass eine arme Familie nicht automatisch unf\u00e4hig ist, ihre Kinder gesund aufzuziehen. Viele machen das ganz hervorragend. Sie haben es nur schwerer und hier k\u00f6nnen kommunale Angebote helfen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Haben Sie einen Tipp f\u00fcr Betroffene, der hilft sich mit wenig Geld, auf Dauer gesund zu halten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Frau Woock:<\/em><\/strong> <em>Grunds\u00e4tzlich kann ich empfehlen, die Leistungen des Gesundheitssystems vollumf\u00e4nglich zu nutzen insbesondere die pr\u00e4ventiven Vorsorgeuntersuchungen, Diagnostik und Therapie, Reha und Therapiebehandlungen. Darauf haben wir alle ein Anrecht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nachwort:<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unser Fazit der Recherche ist, dass f\u00fcr Menschen, die in finanziell schwierigen Verh\u00e4ltnissen leben, das Risiko f\u00fcr Krankheiten \u2013 aufgrund der Wohnverh\u00e4ltnisse, der Arbeit, der Ern\u00e4hrung, dem (falschen) Gesundheitsverhalten, steigt. Wir m\u00fcssen es schaffen die Gesundheit als Grundrecht zu sehen. Diejenigen die weniger finanzielle Mittel zur Verf\u00fcgung haben sollten Zusch\u00fcsse vom Staat bekommen. Suppenk\u00fcchen k\u00f6nnten mit Geldern unterst\u00fctzt werden und somit im Stande sein eine n\u00e4hrstoffreichere Ern\u00e4hrung anzubieten. Sportkurse m\u00fcssen erschwinglich sein und Spa\u00df machen, damit Kinder schon im jungen Alter gefallen am Sport finden. Auf lange Sicht k\u00f6nnte man SBG II Empf\u00e4nger*innen wieder zur Arbeit verhelfen, da sie sich im Allgemeinen wohler und fitter f\u00fchlen w\u00fcrden. In allen Bereichen, in denen wir leben sollte an unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit gedacht werden. Gesundheit sollte ein Recht f\u00fcr alle B\u00fcrger*innen sein<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laut einer Studie des Robert Koch Instituts haben Menschen, die 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verf\u00fcgung haben, eine deutlich geringere Lebenserwartung. 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